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Arbeiter als Mensch-Maschinen: Wie gut sind heutige Exoskelette?

Exoskelett sollen auch die Arbeitswelt umkrempeln – und sind in Zeiten einer alternden Bevölkerung besonders interessant, damit länger gesund gearbeitet werden kann. Ein Einsatz in der Breite sei mittlerweile möglich, sagen selbst Behörden. Und auch bei der Hannover Messe waren die Geräte alles andere als unbeliebt.

Die Arme sind auf einmal ganz leicht: Eine Zimmerdecke ließe sich nun problemlos streichen – und andere Überkopfarbeiten würde das auf der Hannover Messe vorgestellte Gerät wohl ebenfalls erleichtern. Denn die sonst schnell ermüdende Schulterpartie wird gerade von einem Exoskelett unterstützt. Solche am Körper getragenen Unterstützungsgeräte sind aus Sicht von Fachleuten mittlerweile alltagstauglich – und helfen womöglich einer alternden Bevölkerung, länger gesund zu arbeiten.

So sieht es jedenfalls David Duwe: „Im Zuge der Diskussion über Arbeitskräftemangel gewinnen Exoskelette mit Sicherheit an Bedeutung“, sagt der Manager der Exoskelett-Sparte bei Ottobock aus Duderstadt in Südniedersachsen. Seit mehr als 100 Jahren fertigt das Unternehmen Orthesen und Prothesen für den medizinischen Bedarf, seit gut zehn Jahren geht es aber auch um Exoskelette für die Arbeitswelt. Allein sind die Duderstädter damit nicht, eine ganze Reihe von Anbietern in Deutschland, aber auch weltweit, tüftelt am gleichen Thema.

Insbesondere Unterstützung beim Anheben größerer Lasten und bei Überkopfarbeiten ist das Ziel. Das klingt nicht nach spektakulären Mensch-Maschinen, die bei allerlei Tätigkeiten Unterstützung bieten und ein wenig an Roboter erinnern. Die soll es auch geben, spielen auf dem Markt Kennern zufolge aber kaum eine Rolle – wohl auch, weil sie recht teuer sein dürften.

Doch Probleme mit Rücken und Schulter gehören zu den häufigsten Gründen für krankheitsbedingte Ausfälle oder vorgezogene Rente. Den aus Muskel-Skelett-Erkrankungen resultierenden Wertschöpfungsverlust in Deutschland beziffern verschiedene Studien auf bis zu 30 Milliarden Euro pro Jahr. Dementsprechend groß ist schon der Markt für heute verfügbare Exoskelette.

Ottobock setzt auf passive Exoskelette

Ottobock gehört zu den Herstellern, die auf sogenannte passive Exoskelette setzen: Nicht ein Motor sorgt für Kraft, sondern mechanische Federn oder spezielle Gummizüge unterstützen die Bewegung. Sie verbinden ein rucksackartiges Geschirr beispielsweise mit Manschetten an den Armen. Die einstellbare Spannung sorgt dann für spürbare Entlastung.

Insbesondere passiven Skeletten, hier eines von Ottobock, attestiert auch die BauA Marktreife und ein breites Einsatzfeld.

Insbesondere passiven Skeletten, hier eines von Ottobock, attestiert auch die BauA Marktreife und ein breites Einsatzfeld.

© Quelle: Michael Matthey/dpa

Der Verzicht auf aktive Unterstützung birgt durchaus Vorteile: Es gibt keine Akkus, die zur Neige gehen können, auch braucht es keine komplizierte Steuerungselektronik. Stattdessen ist viel Entwicklungsaufwand in den Komfort geflossen: Das Anlegen dauert keine Minute, bei erfahrenen Nutzern sind laut Duwe 20 Sekunden Rüstzeit typisch. Auch der Bewegungsspielraum ist so gut wie gar nicht eingeschränkt – und mit den neueren Modellen für den Rückenbereich kann beispielsweise ein Lagerarbeiter zwischendurch problemlos im Gabelstapler aufsitzen, wie Duwe auf der Messe nicht ohne Stolz demonstriert.

Mit Motoren: der Hoffnungsträger German Bionic

„Stand jetzt können die Vorteile von aktuierten Systemen nicht ausgespielt werden“, ist er überzeugt – und würde beim Mitbewerber German Bionic wohl Widerspruch ernten: Die Augsburger setzen auf aktive Exoskelette. Dort sorgt künstliche Intelligenz dafür, dass die verschiedenen Motoren jeweils die gerade gewünschte Bewegung des Trägers unterstützen. Bei der Consumer Electronic Show in Las Vegas bekam German Bionic dafür im Januar den „Best of Innovation“- Preis. Demnächst soll die Serienfertigung für das neue Apogee-Modell starten. „Aber schon heute werden unsere Kraftanzüge branchenübergreifend und regelmäßig genutzt, unter anderem bei internationalen Logistikern, wie Dachser, Fiege oder DPD“, teilte das Unternehmen mit.

Ob sich aktive oder passive Varianten durchsetzen, ist offen. In Deutschland forscht Urs Schneider vom Fraunhofer-IPA-Institut an den sogenannten „biomechatronischen Systemen“. Auch der Mediziner schwärmt von den Chancen und rechnet gerade bei aktiven Systemen mit vielen Neuerungen in den kommenden zwei bis drei Jahren. „Die Einsatzmöglichkeiten werden dadurch dramatisch größer“, sagt er und betont, dass schon die jetzt verfügbaren Exoskelette einiges können: „Die Geräte, die wir getestet haben, wirkten sich signifikant positiv auf Komfort, Gesundheit und Produktivität aus“.

Ein Beispiel sei eine Studie mit Schweißern in einem deutschen Hafen: Diese würden häufig überkopf arbeiten, mit Exoskelett hätten sie allesamt von einem erhöhten Komfort bei der Arbeit berichtet. Messungen hätten zudem eine geringere Belastung des Herz-Kreislauf-Systems bestätigt, schildert Schneider. Das machte die Arbeit nicht nur entspannter: „Das Coole ist: Wir hatten auch ein 10 Prozent besseres Schweißergebnis“, erzählt Schneider.

Unternehmen machen gute Erfahrungen

Viele Unternehmen sind von den neuen Möglichkeiten angetan – aber längst nicht alle reden gern über den Einsatz von Exoskeletten. Schließlich ist das immer mit dem Eingeständnis verbunden, dass die Arbeit körperlich anstrengend ist. DB Schenker ist eine Ausnahme, dort berichtet Frank Stehn von positivem Feedback der Beschäftigten, Messungen hätten das bestätigt. „Beschäftigte werden durch die Unterstützung von Exoskeletten entlastet und ermüden weniger schnell“, sagt der Gesundheitsmanager. „Dies stellt einen Beitrag zur Gesundheitsprävention und zur Arbeitssicherheit dar.“

Insbesondere passive Exoskelette haben derzeit eine Marktreife erreicht, die einen breiten Einsatz der Technologie in der Arbeitswelt ermöglicht

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BauA)

In Hannover zählten die Stände der Exoskeletthersteller dennoch nicht zu den größten, manch Anbieter setzt auf die Fachmessen einzelner Branchen. Doch insgesamt, dafür spricht vieles, sind die Geräte auf dem Vormarsch, in der Logistik wie auch im Handwerk und zunehmend auch in der Produktion.

Vorbehalte gibt es aber dennoch, wie sich bei der IG Metall zeigt: Dass Exoskelette theoretisch Beschäftigte entlasten können, bestätigt auch Dirk Neumann, Bereichsleiter für Arbeitsgestaltung und Gesundheitsschutz. Wichtiger bleibe es aber auch künftig, Arbeitsplätze und Organisation für die Menschen zu gestalten. Außerdem sieht der Gewerkschafter noch großen Forschungsbedarf: „Bislang gibt es keine aussagekräftige Studienlage zu den Aus- und Rückwirkungen solcher Systeme“, berichtet Neumann.

BauA sieht Marktreife erreicht

Dem widerspricht Fraunhofer-Forscher Schneider nur teilweise, insbesondere bei langfristigen Untersuchungen, die auch ökonomische Auswirkungen umfassen, sieht er ebenfalls offene Fragen. „Aus Studien in den USA wissen wir aber schon, dass Krankheitskosten und Abwesenheitstage durch den Einsatz von Exoskeletten signifikant sinken können.“

Derart überzeugt ist die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BauA) noch nicht. Auch hier betont man noch weiteren Forschungsbedarf. „Insbesondere passive Exoskelette haben derzeit eine Marktreife erreicht, die einen breiten Einsatz der Technologie in der Arbeitswelt ermöglicht“, erklärt die Behörde

Quelle: Wie gut sind Exoskelette? Arbeiter als Mensch-Maschinen (rnd.de)

Tom Illauer

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